Der Technokrat

Text: Benedikt Wiemer
Bilder: Thomas John

 


Es sind die inneren Werte des W 124, die nach außen dringen. Man fährt einen Mercedes der späten 80er und frühen 90er, und nicht irgendein altes Auto. Man hat seine Gründe dafür, und ich denke nicht, daß es so wirkt, als hätte man es nötig, einen alten Mercedes zu fahren - man hat es nicht nötig, einen neuen zu fahren!

Für mich persönlich ist der W124 die perfekte Essenz aus kompromisslosem Aufbau, technokratischem Design, konsequenter Ergonomie verbunden mit einem durchgängigen Stilempfinden bis ins kleinste Detail, das die Tradition des Hauses Daimler Benz perfekt fortführt. Dazu kommen perfekte Alltagstauglichkeit und Fahrleistungen, die man als Unwissender nicht unbedingt vermutet: Der W124 kann mit vielen aktuellen Wagen mithalten, sogar bei Kraftstoffverbrauch und Schadstoffausstoß.

Aber abgesehen von der Aura des Perfekten - vorausgesetzt, Ausführung und Zustand stimmen - umgibt den W124 noch ein ganz besonderer Charme. Wenn man zurückdenkt an die späten 80er Jahre, die er geprägt hat wie kein anderes Auto, die Bonner Limousine W126 mal ausgenommen, wird einem klar, daß es eine ganz andere Zeit war. Eine konstruktive, gleichzeitig von Wohlstand und intellektuellem Bewusstsein geprägte und trotzdem bodenständige. Man war nicht zu Unrecht stolz auf die deutsche Wirtschaft, nicht nur auf den monetären Erfolg, sondern gerade auch auf die Produkte selbst. Und das nicht auf eine ausufernde, chromglänzende, amerikanische Art und Weise, ähnlich den Westernstädten mit riesigen Fassaden und kleinen Schuhkartons dahinter, sondern es ging um wirkliche Werte. Das klingt in vielerlei Hinsicht vielleicht furchtbar staatstragend, aber damals schlug sich der Bogen von ehrlicher Ingenieursleistung über die technokratische Ästhetik im Sinne der Ulmer Hochschule für Gestaltung bis hin zum Mainhattan und D´dorf des Jahres ´89. Es war eine Zeit, in der Telefonzellen und Blinkergläser noch gelb waren und damit ihrer Aufgabe und ihrem Funktionscode gerecht wurden, und es statt „rechts-links-Auspuff“ zur Vorspiegelung einer zweiflutigen Abgasanlage noch elektrisch beheizte Scheibenwaschdüsen serienmäßig ab Werk gab.

Heutzutage sind die Autos im Verhältnis zur durchschnittlichen Kaufkraft deutlich teurer und leisten, abgesehen von inkonsequent vorgetragenen, schwülstigen Design-Ideen und elektronischen Unterhaltungsspielereien, schlichtweg gar nichts. Alles wurde billiger statt wirtschaftlicher, schwerer statt effizienter, es wurde kaputtgespart, und statt dessen für den schnellen Effekt und den schlichten Geschmack peinliche Glanzlichter gesetzt. Oberflächlichste Schlüsselreize für Leute, die ihr Stilempfinden an dem von Dieter Bohlen orientierten, und sich über Kategorien wie tatsächlichen, langfristigen Nutzwert nicht klar sind.

 

Halbgare und unehrliche Ökologie- und Effizienzkonzepte werden dabei seit der jüngeren Vergangenheit mindestens aufgewogen durch unzählige Stellmotoren und bunte Displays an den unmöglichsten Stellen. Tatsächlicher Fortschritt ist in der Breite nicht sichtbar. Im Zusammenhang seiner Zeit gesehen ist der W124 das nachhaltigere Auto, auch hinsichtlich seiner durchschnittlichen Lebenserwartung. Und den Außenspiegel auf der Fahrerseite stelle ich gern von Hand ein.

Doch es handelt sich dabei um einen grundsätzlichen gesellschaftlichen Trend. Zum Beispiel das in den 80ern klar dominierende öffentlich-rechtliche Fernsehen verfolgte damals noch einen strengen journalistischen Anspruch, und hat tatsächlich einen großen Beitrag zur "Bildung" der Gesellschaft geleistet. Mittlerweile versucht man dort, wo sowieso schon keiner mehr einschaltet, das Niveau der Privaten zu unterbieten. Die Aufmerksamkeitsspanne (auch bei Kaufentscheidungen) ist zusammengebrochen, Details und Hintergründe interessieren nicht, und sinnfreie bunte Glitzereien locken mehr Kunden an als Substanz. Dies erklärt in der Konsumgüterindustrie auch die mangelnde Wertschätzung von Verarbeitungsniveau und Ergonomie: Alles dreht sich schneller, und am besten ist das neue (Nischen-) Modell schon auf dem Markt, bevor man merkt, was man da gerade eigentlich gekauft hat.

Man merkt es insbesondere auch den Autos an. Der erste Zusammenbruch in der mittleren Baureihe bei Mercedes war der innen wie außen unschöne und qualitativ erbärmliche W210. Und es ging ja bekanntlich noch weiter nach unten.

Früher war es ein Mercedes-Dogma, nie modisch zu sein. Mittlerweile sind die ersten auf modisch getrimmten Modelle aus der Mode gekommen. Das geht soweit, daß einige Leute, die mit der Materie nicht näher vertraut sind (und daher unvoreingenommen), den 124er als moderner einschätzen als den W210. Ich find´s gut!

Zusammenfassend würde ich sagen, für mich hat der W124 einen Hauch der guten alten Zeit bewahrt, in der man sich die Zukunft noch anders vorgestellt hatte, als sie heute ist. Er war der letzte Mercedes vor Schrempp und Hubbert. Der letzte, der nicht Klasse hieß, sondern eine Klasse definierte.

Eigentlich ist der 124er in seiner Rolle noch so aktuell, weil er einfach keinen würdigen Nachfolger gefunden hat.

Für mich ist er grundlegend sympathisch, weil er die in mancherlei Hinsicht wirklich abstoßenden 90er komplett ignoriert, und einfach für sich selbst steht, ohne Zielgruppenanbiederei. Zeitlosigkeit wird eben oft erst mit dem notwendigen zeitlichen Abstand sichtbar.

 

 

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